Übersetzung: Damit Amerika leben kann muss Europa sterben

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Vorwort zur Übersetzung

Die sich gerade wieder einmal im Aufwind befindende Umweltbewegung hat sich als eines ihrer zentralen Ziele die sogenannte “Klimagerechtigkeit” auf die Fahnen geschrieben. Gemeint ist damit – zumindest vordergründig –, dass die Folgen der globalen Erwärmung weder auf dem Rücken kommender Generationen, noch auf dem Rücken der global benachteiligten Bevölkerungen des sogenannten globalen Südens (eine Abstraktion, die das Problem nicht korrekt zu beschreiben vermag) ausgetragen werden sollen. In der Praxis bleibt dieses Ziel jedoch nichts als ein Lippenbekenntnis, würde es doch die totale Subversion nicht nur der bestehenden Verhältnisse, des Kapitalismus und des Kolonialismus bedeuten, sondern auch die Abkehr von dem, was man vielleicht die europäische Lebensweise nennen könnte. Und das lässt die sogenannte “Klimagerechtigkeitsbewegung” definitiv vermissen. Schlimmer noch: Indem weite Teile dieser Bewegung als eine Art (außer-)parlamentarische Lobbyorganisation für die Industrien erneuerbarer Energien auftreten, indem sich militante Zusammenhänge dieser Bewegung häufig der Politik mithilfe des Hammers für erneuerbare Energien verschreiben, macht sich diese Bewegung vielmehr zu Kompliz*innen einer unverändert kolonialen Industrie, deren globale Player, um die Ironie perfekt zu machen, zudem die gleichen Akteure sind, wie jene, die von den petrochemischen und nuklearen Prozessen der Zerstörung und des Genozids profitieren. Dabei erfüllt sie die mehr als schmutzige Aufgabe, sämtliche Zweifel innerhalb der Bevölkerungen des globalen Nordens entweder durch die Verstärkung eines Gefühls der Alternativlosigkeit zu zerschlagen oder aber erfolgreich in eine rechte Ecke zu stellen. Indem sich etwa über Bevölkerungen, die in ihrer Nachbarschaft keine Windräder oder Solarfelder wollen, erhoben wird und deren Widerstand als egoistisch und unsolidarisch verworfen wird. Aber ist es solidarischer einer Industrie in die Gänge zu verhelfen, die mit ihren Minen zum anhaltenden Genozid indigener Bevölkerungen beiträgt, die koloniale Versklavung betreibt und Regionen von kaum zu überblickender Größe in unbewohnbare Wüsten verwandelt, Grundwasservorräte ganzer Subkontinente sowohl aufbraucht, als auch vergiftet und auch die letzten unberührten Wälder dieser Welt in lebensfeindliche Plantagen verwandelt?

Die sogenannte “Klimagerechtigkeitsbewegung”, sie erweist ihrer angeblichen “Gerechtigkeit” also vielmehr einen Bärendienst. Das ist angesichts ihrer Ursprünge nicht sonderlich verwunderlich. Entstanden aus der Mittelklasse westlicher Bevölkerungen, behält sie freilich auch vor allem deren Interessen im Auge. Und gerade die jüngste Welle, die wohl ganz gezielt von einem kapitalistischen Machtblock mit aufgebaut und infiltriert wurde, verfolgt sogar mehr noch als bloß die Interessen der westlichen Eigenheimbesiter*in die Interessen einer Industrie, also folglich vor allem die Interessen einer kleinen Minderheit an Kapitalist*innen.

Aber warum ist das so? Warum lässt sich diese Lüge so beharrlich aufrechterhalten. Gewiss: All jene, denen die Auswirkungen dessen, was die Klimabewegung da vertritt mit brutaler, tödlicher Gewalt vor Augen geführt wird, jene die Opfer der fortgesetzten kolonialen Genozide werden, sie sind nicht hier, nicht unter den Angehörigen der Klimabewegung und das wird sich logischerweise niemals wesentlich ändern. Selbst dann nicht, wenn es der Klimabewegung gelingen sollte, ihre rassistischen und sexistischen Diskriminierungsmuster, die sie aus der Gesellschaft, aus der sie sich rekrutiert, ererbt hat, zu überwinden. Aber auch ohne die physische Anwesenheit wäre es schließlich möglich, sich wirklich solidarisch – und das meint jenseits der Lügen vom Segen erneuerbarer Energien in Worten und Taten – auf jene zu beziehen, die anderswo auf der Welt darum kämpfen, dem genozidalen Voranschreiten des Fortschritts zu entrinnen. Nicht jedoch, wenn man seine eigene europäische Lebensweise als etwas betrachtet, das allen Menschen übergestülpt werden sollte, ja nichteinmal dann, wenn man selbst nicht bereit ist, diese Lebensweise und den aus ihr resultierenden Imperialismus und Kolonialismus effektiv zu bekämpfen.

Vor diesem Hintergrund hat Russell Means der hiesigen “Klimagerechtigkeitsbewegung” eine Menge mitzuteilen. Schonungslos benennt er die europäische Kultur und ihren Industrialismus als die wesentliche Triebkraft hinter den genozidalen kolonialen Eroberungsfeldzügen, die dazu dienen die notwendigen Materialien zu beschaffen, um die industrielle Maschinerie am Laufen zu halten. Schonungslos macht er klar, dass die angeblich revolutionären europäischen Bewegungen, vor allem der Marxismus, aber gewiss auch jeder fortschrittsorientierte Anarchismus, an diesem Prozess kolonialer Auslöschung nichts ändern werden.

Ungeachtet seines späteren Ausverkaufs an nicht bloß die europäische Kultur, sondern auch gleich deren Kulturindustrie im buchstäblichen Sinne, ungeachtet des Weges, den Russell Means schließlich einschlagen wird, sei es aus Verzweiflung, Resignation oder aus Fehlkalkül – darum soll es hier nicht gehen –, so transportieren doch die im folgenden übersetzten Worte von Russell Means nicht weniger Warhheit. Und auch wenn er diese Worte niemals an jene gerichtet hat, die die europäische Kultur so enthusiastisch verteidigen, wie die meisten jener, die sich heute in der sogenannten “Klimagerechtigkeitsbewegung” tummeln, so wird vielleicht wenigstens der Schatten dieser Worte, also diese verschriftliche Aufzeichnung, den oder die eine*n oder andere*n zum Innehalten und überdenken der bisher geglaubten, falschen Wahrheiten bringen.

Denn “Klimagerechtigkeit” kann sich nicht darum drehen, das Überleben der europäischen Kultur zu ermöglichen. Sie sollte sich vielmehr darum drehen, diese Kultur zu zerstören und an ihrer Stelle die einstige Vielzahl menschlicher Kulturen florieren zu lassen, die sich im Einklang miteinander und mit all den übrigen Lebewesen die Länderreien, auf denen sie gedeihen, teilen.

September 2022

 

 

Damit Amerika leben kann, muss Europa sterben

Eine Rede von Russell Means

Die folgende Rede wurde von Russell Means im Juli 1980 vor mehreren tausend Menschen gehalten, die sich aus allen Ecken der Welt für das Black Hills International Survival Gathering in den Black Hills von South Dakota versammelt hatten. Sie wird als die berühmteste Rede von Russell Means gehandelt.

Die einzig denkbare Einleitung für eine Erklärung dieser Art ist, dass ich die Schrift verabscheue. Dieser Prozess verkörpert an sich das europäische Konzept des “zulässigen” Denkens; was geschrieben steht, besitzt eine Wichtigkeit, die dem Gesprochenen verweigert wird. Meine Kultur, die Kultur der Lakota, besitzt eine Tradition des gesprochenen Wortes, daher lehne ich das Geschriebene für gewöhnlich ab. Es ist eine der Arten der weißen Welt, die Kulturen von nicht-europäischen Völkern zu zerstören, die Auferlegung einer Abstraktion über die gesprochenen Beziehungen eines Volkes.

Was du also hier lesen wirst ist nicht das, was ich geschrieben habe. Es ist das, was ich gesagt habe und was jemand anders niedergeschrieben hat. Ich erlaube das, weil es der einzige Weg zu sein scheint, mit der weißen Welt zu kommunizieren; durch die toten, trockenen Blätter eines Buches. Ich interessiere mich nicht wirklich dafür, ob meine Worte Weiße erreichen oder nicht. Sie haben bereits durch ihre Geschichte gezeigt, dass sie nicht hören können, nicht sehen – dass sie bloß lesen können (natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Ausnahmen bestätigen die Regel). Ich interessiere mich vielmehr für die Indianer*innen, Student*innen und andere, die von der weißen Welt durch Universitäten und andere Institutionen verschlungen werden. Aber selbst dann ist das nur eine sehr beschränkte Art von Interesse. Es ist sehr wohl möglich, zu einem roten Gesicht mit einem weißen Verstand heranzuwachsen; und wenn dies die individuelle Entscheidung einer Person ist, dann sei es so, aber ich kann damit nichts anfangen. Dies ist Teil des Prozesses eines kulturellen Genozids, der von den Europäer*innen heute gegen die Indianer*innen geführt wird. Mein Interesse liegt bei jenen Indianer*innen, die sich dazu entscheiden, Widerstand gegen diesen Genozid zu leisten, bei denen jedoch Verwirrung darüber herrscht, wie sie fortfahren sollen.

(Du wirst bemerken, dass ich, wenn ich mich auf meine Leute beziehe, den Begriff Indianer*in benutze, statt dem der indigenen Amerikanerin oder Ureinwohner*innen oder Amerindian1.) Es hat so einiges an Debatten um derlei Begriffe gegeben und ehrlich gesagt, ich finde das absurd. Vorranging scheint der Begriff des Indianers deshalb abgelehnt zu werden, weil er europäischen Ursprungs ist – was natürlich stimmt. Aber alle oben genannten Begriffe sind europäischen Ursprungs; die einzige nicht-europäische Art und Weise bestünde darin, von den Lakota zu sprechen – oder genauer gesagt, von den Oglala, Brule, etc, – und von den Dineh, den Miccousukee und all den anderen der vielen hunderten korrekten Stammesbezeichnungen.

(Es hat auch eine gewisse Verwirrung über das Wort Indianer*in gegeben, eine Fehlannahme, dass es sich irgendwie auf das Land Indien beziehen würde. Als Columbus an der Küste der Karibik angespült wurde, war er nicht auf der Suche nach einem Land namens Indien. Die Europäer haben dieses Land 1492 Hindustan genannt. Schau es auf den alten Karten nach. Kolumbus nannte die Stammesleute, die er traf “India”, was von dem italienischen in dio stammt und “in Gott” bedeutet.)

Es bedarf einer erheblichen Anstrengung seitens einer*s jeden Indianer*in, nicht europäisiert zu werden. Die Kraft für diese Anstrengung kann nur aus den traditionellen Lebensweisen, den traditionellen Werten, die unsere Ältesten bewahren, stammen. Sie muss aus dem Kreislauf kommen, von den vier Himmelsrichtungen, den Beziehungen: Sie kann nicht von den Seiten eines Buches oder auch von denen tausender Bücher kommen. Kein Europäer kann jemals eine*n Lakota lehren, Lakota zu sein, keinen Hopi, Hopi zu sein. Ein Masterabschluss in “Indian Studies” oder in “Bildungswissenschaften” oder in irgendetwas anderem kann keine Person zu einem Menschen machen, oder Wissen über die traditionellen Weisen vermitteln. All das kann euch nur zu mentalen Europäer*innen machen, zu Außenseitern.

Ich sollte an dieser Stelle eine Sache klar stellen, weil darüber eine gewisse Verwirrung zu herrschen scheint. Wenn ich von Europäer*innen oder mentalen Europäer*innen spreche, dann will ich nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, dass auf der einen Seite, auf der schlechten, die Nebenprodukte mehrerer tausender Jahre genozidaler, reaktionärer europäischer intellektueller Entwicklung stehen und auf der anderen Seite, der guten, irgendeine neue, revolutionäre intellektuelle Entwicklung. Ich spreche hier von den sogenannten Theorien des Marxismus und des Anarchismus und der “Linken” im Allgemeinen. Ich glaube nicht, dass diese Theorien vom Rest der europäischen intellektuellen Tradition getrennt werden können. Sie sind wirklich nur immer die gleiche alte Leier.

Der Prozess begann sehr viel früher. Newton beispielsweise “revolutionierte” die Physik und die sogenannten Naturwissenschaften, indem er das physikalische Universum auf eine lineare mathematische Formel reduzierte. Descartes tat das gleiche mit der Kultur. John Locke mit der Politik und Adam Smith mit der Wirtschaft. Jeder dieser “Denker” nahm ein Stück der Spiritualität der menschlichen Existenz und verwandelte sie in einen Code, eine Abstraktion. Sie nahmen den Pfad dort wieder auf, wo das Christentum stehen geblieben war: sie “säkularisierten” die Christliche Religion, wie die “Gelehrten” zu sagen pflegen – und indem sie das taten, machten sie Europa fähiger und bereiter dazu, als expansionistische Kultur zu handeln. Jede dieser intellektuellen Revolutionen diente dazu die europäische Mentalität weiter zu abstrahieren, die wundervolle Komplexität und Spiritualität des Universums zu entfernen und sie mit einer logischen Folge zu ersetzen. Eins, zwei, drei. Antworte!

Das ist das, was man dem europäischen Verstand nach “Effizienz” nennt. Alles was mechanisch ist, ist perfekt; alles was im Moment zu funktionieren scheint – das heißt, alles was beweist, dass das mechanische Modell das richtige ist – wird als korrekt betrachtet, selbst wenn es offensichtlich unwahr ist. Das ist der Grund, warum sich “Wahrheit” im europäischen Verstand so schnell wandelt; die Antworten, die aus einem derartigen Prozess folgen, sind bloß Lückenbüßer, nur vorrübergehend gültig, und müssen beständig zugunsten neuer Lückenbüßer verworfen werden, die die mechanischen Modelle stützen und sie (die Modelle) am Leben erhalten.

Hegel und Marx waren die Erben des Denkens von Newton, Descartes, Locke und Smith. Hegel vollendete den Prozess der Säkularisierung der Theologie – und das ist in seinen eigenen Worten ausgedrückt –, er säkularisierte das religiöse Denken durch das Europa das Universum verstand. Dann brachte Marx Hegels Philosophie auf die Begrifflichkeiten des “Materialismus”, was so viel bedeutet, wie dass Marx Hegels Arbeit insgesamt despiritualisierte. Wieder sind dies Marxens eigene Worte. Und dies wird nun als das zukünftige revolutionäre Potenzial Europas betrachtet. Europäer*innen mögen dies als revolutionär betrachten, aber Indianer*innen sehen es schlicht als eine weitere Ausprägung des gleichen alten europäischen Konflikts zwischen Sein und Gewinn. Die intellektuellen Wurzeln einer neuen marxistischen Form des europäischen Imperialismus liegen in Marxens Verbindungen – und denen seiner Jünger*innen – zu der Tradition von Newton, Hegel und den anderen.

Sein ist eine spirituelle Behauptung. Gewinn ist ein materieller Akt. Traditionell haben Indianer stets versucht die besten Menschen zu sein, die sie konnten. Teil dieses spirituellen Prozesses war es und ist es auch weiterhin, Wohlstand wegzugeben, Wohlstand zu verwerfen, um nicht zu gewinnen. Materieller Gewinn ist ein Zeichen für falsches Ansehen unter indigenen Menschen, während er für Europäer*innen “der Beweis ist, dass das System funktioniert”. Offensichtlich liegen hier zwei einander vollständig entgegengesetzte Theorien zugrunde und der Marxismus liegt eindeutig auf der entgegengesetzten Seite zur indianischen Ansicht. Aber lasst uns eine der Hauptimplikationen dessen ansehen; es handelt sich hier schließlich nicht bloß um eine intellektuelle Debatte.

Die europäische materialistische Tradition der Despiritualisierung des Universums ist dem mentalen Prozess sehr ähnlich, der mit der Entmenschlichung einer anderen Person einhergeht. Und wer scheint der größte Experte darin zu sein, andere Menschen zu entmenschlichen? Und warum? Soldaten, die viele Kampfhandlungen gesehen haben, lernen das zu tun, bevor sie an die Front zurückkehren. Mörder tun das, bevor sie rausgehen, um Morde zu begehen. Nazi SS-Wachen taten es gegenüber den Insassen der KZs. Bullen tun das. Die Firmechefs tun es mit den Arbeitern, die sie in Uranminen und Stahlfabriken schicken. Politiker*innen machen es mit allen innerhalb ihrer Sichtweite. Und was dieser Prozess für jede der Gruppen, die diese Entmenschlichung vornimmt, gemein hat, ist dass er es in Ordnung erscheinen lässt, zu töten und andere Menschen auf andere Art zu zerstören. Eines der christlichen Gebote lautet, “Du sollst nicht töten”, zumindest keine Menschen, also besteht der Trick darin, die Opfer mental in Nichtmenschen zu verwandeln. Dann lässt sich die Verletzung deiner eigenen Gebote zur Tugend erklären.

Im Hinblick auf die Despiritualisierung des Universums funktioniert der Prozess so, dass es zur Tugend wird, den Planeten zu zerstören. Begriffe wie Fortschritt und Entwicklung werden hier als Euphemismen genutzt, auf die selbe Art und Weise auf die Sieg und Freiheit dazu genutzt werden, das Abschlachten im Prozess der Entmenschlichung zu rechtfertigen. Zum Beispiel wird ein Immobilienspekulant die Eröffnung einer Kiesgrube als “Entwicklung” eines Grundstücks bezeichnen; Entwicklung bedeutet hier totale und permanente Zerstörung, wobei die Erde selbst entfernt wird. Aber in der europäischen Logik wurden ein paar Tonnen Kies gewonnen, mit denen mehr Land durch den Bau von Straßen “entwickelt” werden kann. Schließlich steht das Ganze Universum – der Ansicht der Europäer zufolge – für diese Art von Wahnsinn offen.

Das wichtigste dabei ist vielleicht die Tatsache, dass die Europäer dabei keinen Verlust empfinden. Schließlich haben ihre Philosophen die Realität despiritualisiert, so dass (für sie) keine Befriedigung darin liegt, einfach das Wunder eines Berges, eines Sees oder eines Volkes wie es ist, zu beobachten. Nein, Befriedigung wird im Hinblick auf die Gewinnung von Material gemessen. Also wird der Berg zu Kies, der See wird zum Kühlaggregat für eine Fabrik und die Menschen werden zusammengetrieben, um in den Indoktrinationsfabriken, die die Europäer Schulen nennen, weiterverarbeitet zu werden.

Aber jeder neue Abschnitt dieses “Fortschritts” setzt in der realen Welt noch einmal einen drauf. Nimm den Treibstoff für die industrielle Maschine als Beispiel. Vor kaum mehr als zwei Jahrhunderten nutzte beinahe jede*r Holz – ein erneuerbarer, natürlicher Stoff – als Treibstoff für die sehr menschlichen Bedürfnisse des Kochens und um warm zu bleiben. Mit der Industriellen Revolution wurde die Kohle zum dominanten Treibstoff, da die Produktion zum sozialen Imperativ Europas wurde. Die Luftverschmutzung wurde in den Städten zum Problem und die Erde wurde aufgerissen, um Kohle zu fördern, wo einst Holz einfach gesammelt oder ohne Schäden an der Natur zu hinterlassen gefällt wurde. Später wurde Öl zum Haupttreibstoff, als die Technologie der Produktion durch eine Reihe wissenschaftlicher “Revolutionen” perfektioniert worden war. Die Luftverschmutzung vergrößerte sich dramatisch und bis heute weiß niemand was langfristig wirklich die ökologischen Kosten davon sein werden, all dieses Öl aus dem Boden zu pumpen. Nun gibt es eine “Energiekrise” und Uran wird zum dominanten Treibstoff.

Zumindest kann man sich auf die Kapitalisten bei der Entwicklung des Urans als Treibstoff nur insoweit verlassen, wie dies einen großen Profit abwirft. Das ist ihre Ethik und möglicherweise wird uns das ein wenig Zeit verschaffen. Auf Marxist*innen auf der anderen Seite kann man sich verlassen, dass sie den Urantreibstoff so schnell wie irgendwie möglich entwickeln werden, weil er der “effizienteste” Produktionstreibstoff ist, der zur Verfügung steht. Das ist ihre Ethik und ich sehe nicht, warum man diese vorziehen sollte. Wie ich bereits sagte, ist der Marxismus geradezu abhängig von der Europäischen Tradition. Er ist die gleiche alte Leier.

Es gibt eine Daumenregel, die hier angewandt werden kann. Man kann die wahre Natur einer revolutionären Doktrin nicht auf Basis dessen beurteilen, welche Veränderungen sie innerhalb der europäischen Machtstruktur und Gesellschaft anstrebt. Man kann sie nur aufgrund des Effekts beurteilen, den sie auf nicht-europäische Völker hat. Das kommt daher, dass jede Revolution in der europäischen Geschichte dazu gedient hat, die Neigungen und die Fähigkeiten Europas zu erneuern, Zerstörung an andere Völker, andere Kulturen und die Natur selbst zu exportieren. Ich fordere alle dazu auf, ein Beispiel zu nenen, für das das nicht gilt.

Heute sollen wir, die indianischen Völker, daran glauben, dass eine “neue” Europäische Doktrin wie der Marxismus die negativen Auswirkungen der europäischen Geschichte auf uns rückgängig machen wird. Europäische Machtstrukturen sollen einmal mehr angepasst werden und das soll die Dinge für uns besser machen. Aber was bedeutet das wirklich?

Genau jetzt, heute, leben wir, die wir in der Pine Ridge Reservation leben, in dem, was die weiße Gesellschaft zu einer “Region des Nationalen Opfers” erklärt hat. Was das bedeutet ist, dass hier zahlreiche Uranlagerstätten liegen und die weiße Kultur (nicht wir) dieses Uran als Material zur Energieproduktion benötigt. Die billigste, effizienteste Art und Weise für die Industrie dieses Uran zu fördern und weiterzuverarbeiten besteht darin, die Abfallprodukte direkt hier an den Förderstätten zu entsorgen. Genau hier, wo wir leben. Dieser Müll ist radioaktiv und wird die gesamte Region für immer unbewohnbar machen. Das wird von der Industrie und von der weißen Gesellschaft, die diese Industrie hervorgebracht hat, als ein “akzeptabler” Preis den sie für die Entwicklung der Energieressourcen zahlen müssen, betrachtet. Nebenbei planen sie als Teil des industriellen Prozesses auch noch, den Grundwasserspiegel unter diesem Teil von South Dakota abzusenken, so dass die Region doppelt unbewohnbar wird. Das gleiche passiert unten, in den Landen der Navajo und Hopi und oben, in den Landen der Nördlichen Cheyenne und Crow, sowie anderswo. Dreißig Prozent der Kohle im Westen [der USA] und die Hälfte der Uranvorkommen in den Vereinigten Staaten wurden unter Reservatsland gefunden, folglich kann das keineswegs ein geringfügiges Problem genannt werden.

Wir leisten Widerstand dagegen, dass wir in eine Region des Nationalen Opfers verwandelt werden sollen. Wir leisten Widerstand dagegen, dass wir in ein Volk des Nationalen Opfers verwandelt werden sollen. Die Kosten dieses industriellen Prozesses sind für uns nicht hinnehmbar. Es ist Genozid, hier nach Uran zu graben und den Wasserspiegel abzusenken – nicht mehr und nicht weniger.

Nun, lasst uns annehmen, dass wir in unserem Kampf gegen die Auslöschung beginnen nach Verbündeten zu suchen (und das haben wir getan). Lasst uns weiterhin annehmen, dass wir den revolutionären Marxismus bei seinem Wort nehmen: Dass er nichts anderes beabsichtigt, als die europäische kapitalistische Ordnung, die diese Bedrohung für unsere Existenz ausgelöst hat, vollständig zu stürzen. Dies scheint eine natürliche Allianz zu sein, die Indianer*innen eingehen könnten. Schließlich sind es doch, wie die Marxist*innen sagen, die Kapitalist*innen, die uns zu einem Nationalen Opfer erklärt haben. Das ist soweit richtig.

Aber diese “Wahrheit” ist trügerisch, wie ich darzulegen versucht habe. Der Revolutionäre Marxismus ist der weiteren Fortführung und Verfeinerung des gleichen industriellen Prozesses verbunden, der uns alle zerstört. Er bietet bloß an, die Resultate – vielleicht das Geld – dieser Industrialisierung auf einen größeren Anteil der Bevölkerung “umzuverteilen”. Er bietet uns an, vom Wohlstand der Kapitalist*innen zu nehmen und ihn weiterzureichen; aber um das zu tun, muss der Marxismus das industrielle System aufrecht erhalten. Wieder einmal werden die Machtbeziehungen der europäischen Gesellschaft verändert werden und wieder einmal werden die Auswirkungen auf die Indianer*innen hier und alle Nicht-Europäer*innen anderswo die gleichen bleiben. Das ist weitestgehend das gleiche wie als die Macht von der Kirche auf Privatunternehmen umverteilt wurde, während der sogenannten bürgerlichen Revolution. Die europäische Gesellschaft hat sich ein klein wenig verändert, zumindest vordergründig, aber ihr Verhalten gegenüber Nicht-Europäern ging weiter, wie zuvor. Ihr könnt sehen, was die Amerikanische Revolution von 1776 für die Indianer*innen getan hat. Es ist die gleiche alte Leier.

Der Revoltionäre Marxismus, ebenso wie die industrielle Gesellschaft in anderen Formen, strebt danach, alle Menschen in ihrer Beziehung zur Industrie zu “rationalisieren” – ein Maximum an Industrie, ein Maximum an Produktion. Er ist eine materialistische Doktrin, die die indianische spirituelle Tradition verachtet, ebenso wie unsere Kulturen, unsere Lebensweisen. Marx selbst nannte uns “Präkapitalisten” und “Primitive”. Präkapitalist bedeutet seiner Ansicht nach schlicht dass wir schließlich den Kapitalismus entdecken und zu Kapitalisten werden würden; wie waren, um es in Marxens Worten zu sagen, schlicht immer ökonomisch rückständig. Die einzige Art und Weise, auf die sich Indianer*innen an einer marxistischen Revolution beteiligen könnten, bestünde darin, Teil des industriellen Systems zu werden, Fabrikarbeiter*innen oder “Proletarier”, wie Marx sie nannte, zu werden. Der Mann war hinsichtlich der Tatsache, dass seine Revolution nur durch den Kampf des Proletariats eintreten könne, überaus deutlich; die Existenz eines gigantischen industriellen Systems ist eine Vorbedingung für eine erfolgreiche marxistische Gesellschaft.

Ich denke es gibt hier ein Problem mit der Sprache. Christen, Kapitalisten, Marxisten, sie alle waren ihrem eigenen Denken nach revolutionär, aber keiner von ihnen meinte jeweils Revolution. Was sie eigentlich meinen ist eine Fortsetzung. Sie tun, was sie tun, damit die europäische Kultur fortbestehen kann und sich gemäß ihren Bedürfnissen entwickeln kann.

Um uns also wirklich mit den Marxisten zu verbünden, müssten wir Indianer*innen das nationale Opfer unseres Heimatlandes akzeptieren; wir müssten kulturellen Selbstmord begehen und industrialisiert und europäisiert werden.

An diesem Punkt muss ich innehalten und mich fragen, ob ich in meinem Urteil zu harsch bin. Der Marxismus hat schließlich eine gewisse Geschichte. Bekräftigt diese Geschichte meine Beobachtungen? Ich schaue mir den Prozess der Industrialisierung in der Sovietunion seit 1920 an und kann sehen, dass diese Marxisten das, wofür die englische industrielle Revolution 300 Jahre gebraucht hatte, in 60 Jahren vollbracht haben. Ich sehe, dass das Territorium der USSR einst eine Vielzahl von Stammesvölkern umschloss und diese zerquetscht wurden, um Platz für die Fabriken zu schaffen. Die Sowjets bezeichnen dies als “die Nationale Frage”, die Frage danach, ob die Stammesvölker ein Recht haben, als Volk zu existieren; und sie entschieden, dass die Stammesvölker ein hinnehmbares Opfer für die industriellen Erfordernisse wären. Ich blicke nach China und sehe das Gleiche. Ich blicke nach Vietnam und ich sehe, wie Marxist*innen eine industrielle Ordnung durchsetzen und die indigenen Stammesvölker der Berge ausrotten.

Ich höre einen führenden sowjetischen Wissenschaftler sagen, dass wenn das Uran erschöpft ist, Alternativen gefunden werden werden. Ich sehe, wie die Vietnamesen ein vom US-Militär aufgegebenes Atomkraftwerk einnehmen. Haben sie es unschädlich gemacht und zerstört? Nein, sie benutzen es. Ich sehe, wie China Atombomben testet, Atomreaktoren entwickelt und ein Raumfahrtprogramm ins Leben ruft, um die Planeten zu kolonisieren und auszubeuten, ebenso wie die Europäer*innen diese Hemisphäre kolonialisiert und ausgebeutet haben. Es ist die gleiche alte Leier, diesmal vielleicht mit einem schnelleren Takt.

Die Aussage des sowjetischen Wissenschaftlers ist äußerst interessant. Weiß er, was diese alternative Energiequelle sein wird? Nein, er glaubt einfach daran. Die Wissenschaft wird einen Weg finden. Ich höre revolutionäre Marxist*innen sagen, dass die Zerstörung der Umwelt, Luftverschmutzung und radioaktive Strahlung kontrolliert werden werden. Und ich sehe sie entsprechend ihrer Worte handeln. Wissen sie, wie diese Dinge kontrolliert werden sollen? Nein, sie glauben schlicht daran. Die Wissenschaft wird einen Weg finden. Die Industrialisierung ist gut und notwendig. Woher wissen sie das? Glaube. Die Wissenschaft wird einen Weg finden. Glaube dieser Art wurde in Europa immer als Religion bezeichnet. Die Wissenschaft wurde zur neuen europäischen Religion, sowohl für Kapitalist*innen, als auch Marxist*innen; in Wahrheit sind sie ununterscheidbar, sie sind fester Bestandteil der gleichen Kultur. Also fordert der Marxismus, sowohl in der Theorie, wie auch in der Praxis, dass die nicht-europäischen Völker ihre Werte, ihre Traditionen und ihre kulturellen Erfahrungen allesamt aufgeben. Wir würden in einer marxistischen Gesellschaft allesamt industrialisierte Wissenschaftsfanatiker werden.

Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus selbst wirklich für die Situation verantwortlich ist, in der Indianer*innen zu einem nationalen Opfer erklärt wurden. Nein, es ist die europäische Tradition; die europäische Kultur selbst ist verantwortlich. Der Marxismus ist die jüngste Fortsetzung dieser Tradition, keine Lösung dagegen. Sich mit dem Marxismus zu verbünden bedeutet sich mit den selben Kräften zu verbünden, die uns zu hinnehmbaren Kosten erklären. Es gibt einen anderen Weg. Es gibt den traditionellen Weg der Lakota und die Wege der anderen Indianervölker. Es ist der Weg, auf dem die Menschen wissen, dass sie nicht das Recht haben Mutter Erde zu entwürdigen, dass es Kräfte jenseits all dessen gibt, was der europäische Verstand ersonnen hat, dass Menschen in Harmonie mit allen Beziehungen sein müssen oder die Beziehungen diese Disharmonie schließlich beseitigen werden. Eine einseitige Betonung der Menschen durch Menschen – die Arroganz der Europäer, die sie handeln lässt, als stünden sie außerhalb der Natur und aller Dinge in Beziehung – kann nur in einer totalen Disharmonie enden und eine Wiederanpassung, die die arroganten Menschen zurechtstutzt gibt ihnen einen Vorgeschmack dieser Realität, die außerhalb ihrer Reichweite oder Kontrolle liegt und die die Harmonie wiederherstellt. Es gibt keinen Bedarf einer revolutionären Theorie, um das geschehen zu lassen; es liegt jenseits der menschlichen Kontrolle. Die Naturvölker dieses Planeten wissen das und daher stellen sie keine Theorien darüber an. Theorien sind etwas Abstraktes; unser Wissen ist real.

Auf ihre Grundbegriffe zusammengedampft entspricht der europäische Glaube – inklusive des neuen Glaubens in die Wissenschaft – einem Glauben, in dem der Mann Gott ist. Europa hat immer nach einem Messias gesucht, sei es der Mann Jesus Christus oder der Mann Karl Marx oder der Mann Albert Einstein. Indianer*innen wissen, dass das absolut absurd ist. Menschen sind die schwächsten aller Kreaturen, so schwach, dass andere Kreaturen bereit sind uns ihr Fleisch zu überlassen, so dass wir leben können. Menschen sind nur durch die Ausübung von Rationalität in der Lage dazu zu überleben, da ihnen die Fähigkeiten anderer Kreaturen fehlen, Nahrung durch den Gebrauch von Fängen und Klauen zu erlangen.

Aber Rationalität ist ein Fluch, da sie die Menschen dazu bringen kann, die natürliche Ordnung der Dinge zu vergessen, wie es keine andere Kreatur tut. Ein Wolf vergisst niemals seinen oder ihren Platz in der natürlichen Ordnung. Indianer können ihn vergessen. Europäer*innen vergessen ihn so gut wie immer. Wir danken dem Wild, unseren Beziehungen dafür, dass sie uns erlauben, ihr Fleisch zu essen; Europäer*innen nehmen das Fleisch einfach als gegeben und betrachten das Wild als unterlegen. Schließlich halten sich die Europäer*innen für gottgleich in ihrem Rationalismus und ihrer Wissenschaft. Gott ist das Höchste Wesen; alles andere muss unterlegen sein. Jede europäische Tradition, inklusive des Marxismus hat sich dazu verschworen, der natürlichen Ordnung der Dinge zu trotzen. Mutter Erde wurde missbraucht, die Mächte wurden missbraucht und das kann nicht ewig so weitergehen. Keine Theorie kann diese einfache Tatsache ändern. Mutter Erde wird Rache nehmen, die gesamte Umwelt wird sich rächen und die Missbrauchstäter werden ausgelöscht werden. Die Dinge werden zum Ausgangspunkt zurückkehren, zurück dorthin, wo sie ihren Lauf genommen haben. Das ist Revolution. Und das ist eine Prophezeiung meines Volkes, des Volkes der Hopi und anderer korrekter Völker.

Indianer*innen haben seit Jahrhunderten versucht, den Europäer*innen dies alles zu erklären. Aber, wie ich bereits zuvor gesagt habe, die Europäer*innen haben sich als unfähig zuzuhören erwiesen. Die Natürliche Ordnung wird sich schließlich durchsetzen und die Angreifer werden aussterben, auf die selbe Art und Weise, auf die Wild ausstirbt, wenn es die Harmonie bedroht, weil es sich in einer bestimmten Region übermäßig vermehrt. Es ist nur eine Frage der Zeit bis das, was die Europäer*innen eine “große Katastrophe von globalem Ausmaß” nennen eintreten wird. Es ist die Rolle der Indianervölker, die Rolle aller Lebewesen, zu überleben. Ein Teil dieses Überlebens besteht darin Widerstand zu leisten. Wir leisten nicht dadurch Widerstand, dass wir eine Regierung stürzen oder die politische Macht ergreifen, sondern, weil das für den Widerstand gegen Auslöschung natürlich ist, indem wir überleben. Wir wollen keine Macht über weiße Institutionen; wir wollen, dass die weißen Institutionen verschwinden. Das ist Revolution.

Indianer*innen wissen noch immer um diese Realitäten – die Prophezeiungen, die Traditionen unserer Vorfahren. Wir lernen von den Ältesten, von der Natur, von den Mächten. Und wenn die Katastrophe vorbei ist, werden wir Indianer*innen überleben; die Harmonie wird wiederhergestellt werden. Das ist Revolution.

An diesem Punkt sollte ich vielleicht etwas anderes klarstellen, etwas was als Resultat dessen, was ich gesagt habe, bereits klar sein sollte. Aber die Verwirrung macht sich dieser Tage so leicht breit, deshalb will ich diesen Punkt ein für alle Mal klar machen. Wenn ich den Begriff Europäer*in benutze, dann beziehe ich mich nicht auf eine Hautfarbe oder eine genetische Struktur. Worauf ich mich beziehe ist ein Mindset, eine Weltanschauung, die Produkt der Entwicklung der europäischen Kultur ist. Die Menschen sind nicht genetisch dazu programmiert, diese Ansicht zu vertreten, sie werden akkulturiert, sie einzunehmen. Das gleiche gilt auch für Indianer*innen oder die Mitglieder irgendeiner anderen Kultur.

Es ist für Indianer*innen möglich, europäische Werte zu teilen, eine europäische Weltanschauung. Wir haben einen Begriff für diese Leute. Wir nennen sie Äpfel – außen rot (genetisch) und innen weiß (ihre Werte). Andere Gruppen haben ähnliche Begriffe dafür: Die Schwarzen haben ihre “Oreos”, die Hispanos ihre “Kokosnüsse”, und so weiter. Und wie ich bereits zuvor gesagt habe, gibt es auch Ausnahmen von der weißen Norm: Menschen, die nach außen weiß sind, aber im Inneren nicht. Ich weiß nicht, welcher andere Begriff für sich gelten sollte, als “Menschen”.

Was ich hier hervorhebe ist keine rassische Behauptung, sondern eine kulturelle Behauptung. Diejenigen, die schließlich für die Realitäten einer europäischen Kultur und ihren Industrialismus eintreten und diese verteidigen, sind meine Feind*innen. Diejenigen, die Widerstand dagegen leisten, die dagegen kämpfen, sind meine Verbündeten, die Verbündeten der indianischen Völker. Und ich gebe keinen Fick darauf, was ihre Hautfarbe ist. Kaukasisch ist der weiße Begriff für die weiße Rasse: Europäisch ist eine Anschauung, die ich bekämpfe.

Die vietnamesischen Kommunist*innen mögen nicht genau das sein, was man unter genetischen Kaukasiern verstehen mag, aber sie funktionieren heute als mentale Europäer*innen. Das gleiche gilt für die chinesischen Kommunist*innen, die japanischen Kapitalist*innen oder die Bantu-Katholiken oder Peter “MacDollar” unten im Reservat der Navajo oder einen Dickie Wilson hier in Pine Ridge. Darin liegt kein Rassismus, nur ein Eingeständnis des Verstands und Geistes, die eine Kultur ausmachen.

Ich nehme an, dass ich marxistischen Begriffen zufolge ein “kultureller Nationalist” bin. Ich arbeite vor allem mit meinen Leuten zusammen, den traditionellen Lakota Völkern, weil wir eine gemeinsame Weltanschauung hochhalten und einen unmittelbaren Kampf teilen. Jenseits dessen arbeite ich mit anderen traditionellen Indianervölkern zusammen, wieder wegen einer bestimmten Gemeinsamkeit hinsichtlich unserer Weltanschauung und der Art unseres Kampfes. Darüber hinaus arbeite ich mit allen zusammen, die die koloniale Unterdrückung Europas erfahren haben und die seiner kulturellen und industriellen Totalität Widerstand leisten. Offensichtlich beinhaltet das auch genetische Kaukasier, die Widerstand gegen die dominanten Normen der europäischen Kultur leisten. Mir kommen da unmittelbar die Iren und die Basken in den Sinn, aber es gibt auch viele andere.

Ich arbeite vor allem mit meinen eigenen Völkern, mit meiner eigenen Gemeinschaft. Andere Menschen, die nicht-europäische Perspektiven hochhalten, sollten das selbe tun. Ich glaube an den Slogan “Vertraue der Vision deiner Brüder,” obwohl ich ihm auch noch die Schwestern hinzufügen würde. Ich vertraue der Gemeinschaft und den auf der Kultur basierenden Visionen aller Rassen, die natürlicherweise Widerstand gegen die Industrialisierung und die menschliche Auslöschung leisten. Offensichtlich können auch individuelle Weiße daran teil haben, vorausgesetzt, dass sie zu der Erkenntnis gelangt sind, dass die Fortsetzung des industriellen Imperativs Europas keine Vision ist, sondern der Selbstmord einer Spezies. Weiß ist eine der heiligen Farben der Lakota-Völker – Rot, Gelb, Weiß und Schwarz. Die vier Richtungen. Die vier Jahreszeiten. Die vier Perioden des Lebens und des Alterns. Die vier Rassen der Menschheit. Wenn man Rot, Gelb, Weiß und Schwarz zusammenmischt, dann bekommt man Braun, die Farbe der Fünften Rasse. Dies ist die natürliche Ordnung der Dinge. Es erscheint mir folglich natürlich zu sein, mit allen Rassen zusammenzuarbeiten, jede davon mit ihren besonderen Bedeutungen, Identitäten und Botschaften.

Aber es gibt ein merkwürdiges Verhalten unter den meisten Kaukasier*innen. Sobald ich Europa kritisiere, sowie seine Auswirkungen auf andere Kulturen, verfallen sie in die Defensive. Sie fangen an, sich selbst zu verteidigen. Aber ich greife sie nicht persönlich an; ich greife Europa an. Wenn ich meine Beobachtungen über Europa personifiziere, dann personifizieren sie die europäische Kultur, identifizieren sich selbst mit ihr. Indem sie sich in diesem Kontext selbst verteidigen, verteidigen sie letztendlich die Todeskultur. Das ist eine Verwirrung, die überwunden werden muss, und sie muss schnell überwunden werden. Keiner von uns hat die Energie dazu, sie in solchen falschen Kämpfen zu verschwenden.

Kaukasier*innen haben der Menschheit eine positivere Vision anzubieten, als die europäische Kultur. Daran glaube ich. Aber um diese Vision zu erlangen, ist es notwendig, dass die Kaukasier*innen aus der europäischen Kultur heraustreten – zusammen mit dem Rest der Menschheit – um Europa als das zu erkennen, was es ist und was es tut.

Sich an den Kapitalismus, den Marxismus und all die anderen “-ismen” zu klammern, bedeutet schlicht innerhalb der europäischen Kultur zu verbleiben. Diese einfache Tatsache lässt sich nicht vermeiden. Als Tatsache anerkannt, stellt dies eine Entscheidung dar. Du musst verstehen, dass diese Entscheidung auf Kultur basiert, nicht auf Rasse. Du musst verstehen, dass die europäische Kultur und den Industrialismus zu wählen, mein Feind zu werden bedeutet. Und du musst verstehen, dass die Entscheidung bei dir liegt, nicht bei mir. Das führt mich zurück zu jenen Indianer*innen, die durch die Universitäten treiben, die Slums der Städte und andere europäische Institutionen. Wenn ihr dort seid, um zu lernen, wie ihr den Unterdrücker im Einklang mit euren traditionellen Lebensweisen bekämpfen könnt, dann sei das so. Ich weiß nicht, wie ihr das vereinbaren wollt, aber vielleicht werdet ihr Erfolg darin haben. Aber bewahrt euch einen Sinn für die Realität. Seht euch vor, zu glauben, dass die weiße Welt nun Lösungen für die Probleme hat, mit denen sie uns konfrontiert. Nehmt euch auch in Acht davor, zu erlauben, dass die Worte indigener Völker zum Vorteil unseres Feindes verdreht werden. Europa hat die Praxis der Wortverdrehungen erfunden. Ihr müsst nur auf die Abkommen zwischen Indianervölkern und verschiedenen europäischen Regierungen blicken, um zu sehen, dass das wahr ist. Zieht eure Stärke daraus, wer ihr seid.

Eine Kultur, die regelmäßig die Revolution mit Fortsetzung verwechselt, die Wissenschaft mit Religion verwechselt, die Revolte mit Widerstand verwechselt hat euch nichts hilfreiches zu lehren und nichts als Lebensweise anzubieten. Europäer*innen haben seit langem jeglichen Kontakt zur Realität verloren, wenn sie überhaupt jemals in Kontakt damit waren. Bedauert sie, wenn ihr wollt, aber seid zufrieden damit, wer ihr als Indianer*innen seid.

Ich würde also, um das abzuschließen, klar sagen, dass es wirklich das letzte wäre, was mir in den Sinn kommen würde, irgendwen zum Marxismus zu bekehren. Der Marxismus ist meiner Kultur ebenso fremd wie der Kapitalismus und das Christentum. Tatsächlich kann ich sagen, dass ich nicht denke, dass ich versuche irgendwen zu irgendetwas zu bekehren. Bis zu einem gewissen Grad habe ich versucht, ein “Anführer” zu sein, in dem Sinne, in dem die weißen Medien diesen Begriff zu gebrauchen pflegten, als die American Indian Movement eine junge Organisation war. Das war das Resultat einer Verwirrung, der ich nicht länger aufsitze. Man kann nicht alles für alle sein. Ich beabsichtige nicht, von meinen Feinden auf diese Weise benutzt zu werden. Ich bin kein Anführer. Ich bin ein Patriot der Oglala Lakota. Das ist alles was ich sein will und sein muss. Und ich bin zufrieden damit, wer ich bin.

1Eine Art politisch korrekte Bezeichnung für Indianer.

Wie vielfältiger Widerstand zum Erfolg führen kann

Ein Beispiel aus dem Kampf gegen die „Identitäre Bewegung“
in Halle

Dieser Text wurde von einer Einzelperson des Anarchists in Lützerath Kollektivs geschrieben und spiegelt nicht die Meinung des ganzen Kollektivs oder aller Anarchist*innen aus Lützerath wieder.

Im Verlauf der letzten Monate haben wir gesehen, dass in der ZAD Rheinland viel Unklarheit besteht, wie verschiedene Aktionsformen zusammenarbeiten und auf einander eingehen können. Auch ist unklar was die Ziele von Menschen aus der ZAD Rheinland sind und ob oder wie sich diese zusammen bringen lassen. Mit einem Blick nach Halle will ich einen Anstoß geben wie diese Zusammenarbeit funktionieren kann.

In Halle gab es mindestens seit dem Sommer 2017 ein Hausprojekt der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, welches versucht hat in Halle ein Anlaufpunkt für rechte Aktivitäten zu sein. Auch sollten dort Nazikader aus der Umgebung ein neues Zuhause finden. So wurden von dort Aktionen geplant und ausgeführt. Es wurde versucht in der Universität vor Ort für rechte Ideologien zu werben, da die Arbeit der „Identitären Bewegung“ oft sehr hip und modern wirkt und besonders junge Menschen mit akademischem Hintergrund anspricht.
Die „Identitäre Bewegung“ zählt zur „Neuen Rechten“, ähnlich wie beispielsweise die AfD. Diese Versuchen nicht durch offenes Auftreten als Neo-Nazis irgendein Volk wieder zu beleben, sondern arbeiten mit „gemilderter“, aber durchweg rassistischer, sexistischer, antisemitischer Sprache, an der gezielten Verschiebung von Diskursen, mit der sie Versuchen die parlamentarische Politik nach rechts zu bewegen, was wir beispielsweise an der Abschiebe- und Flüchtlingspoltik leider gut miterleben können.

Der Text „An der Vielfalt gescheitert: Wie antifaschistischer Widerstand ein identitäres“ Hausprojet in Halle zermürbt hatvon KickThemOut aus dem Heft „TURN LEFT – Gegen den neuen Faschismus und den Nationalismus der Mitte“ herausgegeben von TOP3 Berlin, zeigt wie ein breiter Protest von (links-)liberalen bis militant antifaschistischen Kräften das Hausprojekt der Identitären Bewegung“ zum scheitern gebracht hat und dort nun „nur noch“ Nazis wohnen, dieses aber nicht mehr als Projekt organisiert sind.

Ich will euch diesen Text aus der Broschüre nahe legen und hoffe, dass dieser zu dem Diskurs in und um die ZAD Rheinland beitragen kann. Es wäre schön wenn wir die verschiedenen Vor- und Nachteile von Aktionsformen diskutieren und respektieren, sowie an den richtigen Stellen einsetzen. Auch wäre es toll, wenn wir in den nächsten Wochen Strategien, die alle Menschen mitnehmen, entwickeln, sodass wir bei Angriffen oder Räumungsversuchen vorbereitet sind und gemeinsam für den Erhalt von Lützerath kämpfen können . Wir müssen die Teilung von „nicht-militant“ und militanten Menschen aufheben, so wie es zuletzt bei der Demonstration von Keyenberg nach Lützerath sehr gut geklappt hat. Wie lassen uns nicht spalten. Wir alle sind Lützerath, wir alle sind die ZAD Rheinland!

Bijî berxwedana Lützerath !

 

Ihr findet die oben angesprochene Broschüre hier: https://www.nationalismusistkeinealternative.net/broschuere-erschienen-turn-left-gegen-den-neuen-faschismus-und-den-nationalismus-der-mitte/

Mehr zur „Identitätren Bewegung“: https://nitter.net/ibdoku

Mehr zur „Neuen Rechten“ bei der Amadeu Antonio Stiftung: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rechtsextremismus-rechtspopulismus/alter-rassismus-in-neuem-gewand-die-neue-rechte/